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Social Bots: Gefahr für den politischen Wahlkampf?

Social Bots: Gefahr für den politischen Wahlkampf?

FAU-Forscher untersuchen den Einsatz von Computerprogrammen zu Propagandazwecken

Normalerweise helfen selbständig arbeitende Computerprogramme, sogenannte Bots, zum Beispiel Suchmaschinen dabei, Internetseiten zu durchsuchen. Allerdings gibt es auch sogenannte Social Bots, die in den Sozialen Medien agieren und automatisch Antworten generieren oder Inhalte teilen. In letzter Zeit stehen sie deshalb in Verdacht, der Verbreitung von politischer Propaganda zu dienen. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben nun den Einsatz und Einfluss solcher autonomer Programme auf der Plattform Twitter während der japanischen Parlamentswahlen im Jahr 2014 untersucht. Dadurch konnten sie zum einen eine Fallstudie zu verschiedenen Aktivitätsmustern von Social Bots machen, indem sie die Methodik der Korpuslinguistik einsetzten. Zum anderen gewannen die FAU-Forscher Einsichten, wie diese Computerprogramme zum Einsatz kamen und wie Nationalismus in der Wahl vor allem in den Sozialen Medien eine wichtige Rolle spielte. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in dem Journal Big Data erschienen (DOI: 10.1089/big.2017.0049).

Ausschlaggebend für die Untersuchung zum Einsatz von Social Bots war für Prof. Dr. Fabian Schäfer, Inhaber des Lehrstuhls für Japanologie der FAU, die Parlamentswahlen 2014 in Japan. Diese gewann die konservative Liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) mit ihrem Vorsitzenden Shinzō Abe. Dessen Wahlkampagne stützte sich in der Öffentlichkeit und den Massenmedien vor allem auf wirtschaftspolitische Themen. Anders in den Sozialen Medien. „Dort, das zeigt unsere Analyse, spielte vor allem Abes verdeckte nationalistische Agenda eine wichtige Rolle“, sagt Schäfer. „Dass diese verdeckte Agenda dort so wichtig wurde, ist allerdings nicht auf den Premierminister oder die LDP selbst zurückzuführen.“ Vielmehr scheinen ultrarechte und rechtskonservative Lager der Internetnutzer Social Bots im großen Maßstab eingesetzt zu haben. Mit diesen unterstützen sie die während des Wahlkampfes in den Hintergrund gerückte nationalistische Agenda Abes in der Onlineöffentlichkeit jedoch indirekt– so die vorläufige Hypothese von Prof. Schäfer.

Computerisierte Propaganda

Gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Evert, Professur für Korpuslinguistik der FAU, analysierte Schäfer über 540.000 Tweets, die kurz vor und nach der Wahl Mitte Dezember verbreitet worden waren. Dabei fielen ihnen die vielen gleich- oder ähnlich lautenden Tweets auf. Deshalb untersuchten sie, ob diese von Bots oder sogar Botnetzwerken stammten. Anders als bisher nahmen die FAU-Forscher aber nicht die typischen Verhaltensweisen eines Bots, also zum Beispiel wie häufig diese Tweets versenden, als metrisches Kriterium, um diese zu identifizieren. Vielmehr setzten sie auf Methoden der Korpuslinguistik, mit der sich große Textmengen analysieren lassen. Schnell zeigte sich, dass es sich bei fast 80 Prozent der untersuchten Tweets um Duplikate, hierzu zählen auch Retweets, oder Nahduplikate handelte, die auf insgesamt 3722 Originaltweets zurückzuführen sind.

Die FAU-Wissenschaftler konnten bei der Verbreitung der Tweets fünf Muster erkennen. Drei der Muster ordneten sie dabei einer Pro-LDP-Kampagne, eines einer anderen Gruppe unter den rechten Internetaktivisten zu. Das fünfte Muster lässt sich Usern zuordnen, die ein ähnliches Verhalten wie Bots an den Tag legten. „Tweets der ersten und zweiten Gruppe haben gemeinsam, dass sie einen ähnlichen in rechten Internetkreisen verbreiteten Jargon nutzen, und nicht selten rassistische oder feindselige Aussagen zum Inhalt haben“, erklärt Schäfer. Dies und die für die zahlreichen Fake-Accounts genutzten Namen, führten Evert und Schäfer zu dem Schluss, dass es sich um zwei Gruppen rechter Internetaktivisten, den netto uyo, handelte, die solche autonomen Programme massiv einsetzten, um so andere Hashtags zu überlagern. Bots können aber auch auf schon populäre Hashtags und Themen aufspringen, um diese mit dem gleichen Zweck zu instrumentalisieren, ohne dass die Tweets inhaltlich miteinander etwas zu tun haben.

Letzteres nutzten rechte Internetaktivisten in der Wahl 2014 vor allem um ultranationalistische Inhalte vielfach zu verbreiten. Der Vorwurf „Anti-Japanisch“ zu sein – der Begriff findet sich sowohl unter den netto uyo als auch in abgeschwächter Form bei Abe – wirkte dabei beispielsweise als eine Art begriffliche Brücke zwischen dem extremen und dem gemäßigteren Lager. „Diese Brücke verband den nationalistischen Diskurs rechter Internetaktivisten mit Abes rechtskonservativer Agenda“, sagt Schäfer. „Abes Position fand deshalb im Netz nicht nur in konservativen Organisationen beziehungsweise einer sehr computeraffinen Gruppe mit engen Verbindungen zur LDP Unterstützung, sondern ebenso in der großen, wenn auch wenig organisierten Gruppe rechter Internetaktivisten.“ Auch wenn letztere zwar häufig eine Anti-Abe-Position einnahmen, erklärt der Japanologe Schäfer, verbreiteten diese doch eine ganz ähnliche nationalistische Agenda im Netz.

Erlangen-Heute fragte nach

Erlangen-Heute: Sehr geehrter Herr Prof. Schäfer, hat nur die LDP bzw. deren Unterstützer social bots eingesetzt? Welche Parteien und Aktivisten noch?

Prof. Schäfer: Das müssen Sie missverstanden haben; wir konnten keinen direkten Hinweis darauf finden, dass die LDP selbst Social Bots verwendet. Lediglich die Hypothese ist zulässig, dass Personen aus dem online-affinen Unterstützerfeld (vermutlich unkontrolliert) Bots verwendet haben. Diese Annahme beruht allerdings auf Indizienbeweisen (wie z.B. die Namen der Fake Accounts bzw. die Verwendung eines tendenziell rechten Jargons). Hinweise auf die Aktivität von anderen Parteien oder Gruppen neben den genannten konnten wir (zumindest in unserem, sich ausschließlich auf den Wahlkampf und entsprechende Themen beziehendem Datensatz nicht finden) Mehr dazu können Sie im Artikel lesen, der Online frei verfügbar ist:

http://online.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/big.2017.0049

Schauen Sie sich vielleicht auch mal diesen Artikel zum Verhältnis von Bots und der AfD an, der in der FAZ erschienen ist, und dieses Problem sehr schön beschreibt: http://www.faz.net/aktuell/politik/digitaler-wahlkampf-frauke-petry-und-die-bots-14863763.html

Erlangen-Heute: social bots sind völlig legal, wiewohl sie ggf. privatrechtlich gegen die AGB sozialer Netzwerke verstoßen. Wo sehen Sie hier ein Problem?

Prof. Schäfer: Sicherlich stellt die Verwendung von Social Bots (noch) an sich kein strafrechtliches Problem dar, es sei denn die veröffentlichten Inhalte sind strafrechtlich oder presserechtlich relevant. Das Problem liegt allerdings darin, dass hier bewusst die Identität des Urhebers einer Äußerung, den es vielleicht gar nicht mal gibt (fake account), verschleiert wird. Noch schlimmer ist, wenn Fake Accounts von Politikern verwendet werden, wie wir in unserer Analyse zeigen konnten. Damit hängt auch Ihre zweite Frage zusammen.

Erlangen-Heute: Plakatwerbung, TV oder Interviews von Politikern sind auch nichts anderes als PR. (Print)Medien werden gerne auch als „parteinah“ bezeichnet. Wo sehen Sie hier ein Problem in Bezug auf social bots?

Prof. Schäfer: Der politische Diskurs basiert darauf, dass sich Aussagen und Meinungen einer Person oder Vereinigung (Partei, Gewerkschaft usw.), die diese geäußert hat, zuordnen lassen, um darauf diskursiv reagieren zu können oder diese im entsprechenden Fall für das Geäußerte zur Verantwortung zu ziehen. Dies ist bei Plakatwerbung und Interviews der Fall, da der Urheber eindeutig ist. Plakatwerbung und Fernsehauftritte sind zudem genauestens durch das Parteifinanzierungs- und das Bundeswahlkampfgesetz, vor allem während des Wahlkampfes, geregelt. Das gilt nicht für Social Bots, was ein großes Problem im Gegensatz zu den von Ihnen erwähnten Formen der Parteiwerbung darstellt.

Wir danken für das Gespräch!

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