//
du liest...
Allgemein, Bildung, FAU, Gesundheit, Kernenergie

Paradigmenwechsel in der Strahlenforschung: Strahlenmediziner beantwortet Leserfragen

Immunisierung gegen Krebs: So war ein Expertenkommentar von Prof. Dr. Udo Gaipl über einen Paradigmenwechsel in der Strahlenforschung zu lesen.
In der Redaktion trudelten einige Nachfragen dazu ein, die wir Prof. Gaipl vorlegten und um Beantwortung baten.

Frage: Die LNT-Theorie (Nach der Theorie der linearen Abhängigkeit (Linear No Threshold, LNT) ist die Krebswahrscheinlichkeit proportional zur Dosis.) wird zunehmend wissenschaftlich widerlegt.
a)Warum wird sie immer noch als Argument im Strahlenschutz verwendet?
b) Wie ist der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Debatte? Müssen die bisherigen Grenzwerte nach oben korrigiert werden?
c) Die Schwankungsbreiten natürlicher Strahlung sind enorm, ohne dass es in Zonen hoher Radioaktivität zu nachweisbaren gesundheitlich negativen Effekten kommt. Wie sieht der augenblickliche Stand der Wissenschaft aus? Müssen die bisherigen Grenzwerte nach oben korrigiert werden?

Prof. Gaipl:
Zu a) und b) und c): Gerade im niedrigen Dosisbereich geht man heute von nicht linearen Dosis-Effektbeziehungen aus. Vieles dazu wurde im Rahmen des EU-Projektes NOTE „Non-targeted effects of ionising radiation“ (FP6-EURATOM-RADPROT; project reference: 36465) erarbeitet. Ein endgültige Aussage darüber, wo das Risiko über- und wo es unterschätzt wird lässt sich allerdings noch nicht treffen und ist Zustand aktueller Untersuchungen.

Frage: Zum Zitat über Tschernobyl bzw. schwere kerntechnische Unfälle: („… können solche Unfälle zu lang anhaltenden Schädigungen führen, zum Beispiel zu Tumorerkrankungen, die durch Mutationen ausgelöst werden. Darüber hinaus stellen wir langfristige Veränderungen im Immunstatus der Betroffenen fest“ )

a) auf welche effektiven Strahlendosen von erfassten Patienten beziehen sich diese Aussagen über Tumorerkrankungen und Immunschädigungen?

Prof. Gaipl: Darüber lassen sich keine pauschale Aussagen treffen. Dies hängt von etlichen weiteren Faktoren, wie zusätzliche Noxen, Gesundheitszustand der Person, … ab.

b) Aus den Weißrussland- und Ukraine-Studien weiß ich, dass die Minderung des Immunstatus von niedrig Exponierten auf andere Zusammenhänge, nämlich fehlenden Zugang der Betroffenen in kontaminierten (und damit landwirtschaftlicher Nutzung entzogenen) Regionen zu frischen Lebensmitteln in den Jahren nach dem Unfall, den allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruch sowie den Zusammenbruch der Sozial- und Gesundheitssysteme in der zerfallenden Sowjetunion zurückgeführt wird. Müssten Sie als Strahlenmediziner ihre Aussagen über die Auswirkungen von Strahlung nicht in Hinblick auf dieses sozialmedizinische Spezifikum der späten Sowjetunion bzw. ihrer frühen Folgestaaten überprüfen?

Prof. Gaipl: Zusätzliche Faktoren spielen natürlich immer eine Rolle. Leider sind auch bei weitem nicht alle Daten zugänglich bzw. veröffentlicht. Eine gute Zusammenfassung zu den lang anhaltenden Veränderungen im Immunstatus nach Strahlungsexposition gibt die Arbeit von Kusunoki und Hayashi, Int J Radiat Biol. 2008 Jan;84(1):1-14., „Long-lasting alterations of the immune system by ionizing radiation exposure: implications for disease development among atomic bomb survivors.“

Strahlenimmunbiologen interessieren sowohl die lang-anhaltenden Veränderungen im Immunsystem nach Strahlungsexposition, natürlich unter Einbeziehung von zahlreichen Co-Faktoren (Mikro- und Makroumgebung), aber natürlich auch wie man mit Strahlung heilen kann, d.h. durch lokale Applikation einen Tumor lokal und systemisch (immunvermittelt) abzutöten.  

Frage:  Was halten Sie von der Hormesistheorie  Prof. Feinendegen? Stimmt es, dass die Umgebung von Tumoren vor einer Strahlentherapie (z.B. Brachy-) mit geringerer Dosis bestrahlt wird um sie „abzuhärten“?

Prof. Gaipl: Dies wird in der Praxis nicht durchgeführt. Es ist aber in Diskussion, dass niedrige Strahlendosen den Tumor immunogener manchen könnten, wie z.B. dadurch, dass die Einwanderung von Immunzellen in den Tumor ermöglicht wird.

Frage:  Wie erklären Sie sich, dass die Mehrheit der Bürger Deutschlands alle Reaktoren abschalten wollen, hingegen die Nuklearmedizin nutzen? Wie erklären Sie sich die weit verbreitete „Strahlenangst“, wenn es um die Nutzung der Kernenergie geht?

Prof. Gaipl:  Strahlung ist überall! Dennoch macht sie den Menschen Angst. Es muss einem aber immer bewusst sein, dass die Strahlung in der Strahlentherapie lokal appliziert wird und somit nur wenig Normalgewebe in Mitleidenschaft gezogen wird. Es findet ja in den meisten Fällen KEINE Ganzkörperbestrahlung statt.

Wie so oft sollte man nicht „SCHWARZ oder WEISS“ denken, sondern ganz genau abwägen!

Vielen Dank für die rasche Rückmeldung! 

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: