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“Mein ukrainisches Tagebuch” – Bilder und Texte von AnnaVero Wendland. Zwölfter Teil

„Was machst du gerade?“ Ich komme gerade im KKW an und gehe wie jeden Morgen ins Café Quant, zum Kaffeefassen. Was höre ich? „Heute gibt’s keinen Kaffee, wir haben keinen Strom!“ -„Wie? Keinen Strom? Im Atomkraftwerk?!“ [Denkblase: Station blackout? Lastabwurf? Die Russen heute nacht gekommen?] Nein, stellt sich heraus, der Anschluss, an dem das Café hängt, wird gewartet: „In einer halben Stunde sind wir wieder am Netz!“ Ich begnüge mich also mit einer Flasche Sprudel. Die brauche ich auch, denn bei der Arbeit, selbst wenn man gar nichts besonderes macht, außer zu seinem Einsatzort zu klettern, verliert man einiges an Flüssigkeit.

Neueste Einsichten von der Revision in Rivne-3:
1) Die alten LAZ-Schichtbusse hauen alles wieder raus, was das KKW an CO2 einspart, fürchte ich.
2) Wozu braucht man eigentlich teure Magnettafeln und Flipcharts mit Zubehör, wenn man eine Konstruktionszeichnung auch anders aufhängen kann? Man braucht nur: die 3-Tonnen-Eisentür von A-721, drei Bruchstücke aus einem Motormagneten, eine Zeichnung. Und schon hängt alles bombenfest.
3) Also so eine Gleitbuchse aus dem Innenleben eines Impulsventils hätte ich auch gern für meinen Institutsschreibtisch, als Briefbeschwerer.

Am Samstag geht das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz. Meine Sicht von außen: Abschied vom Kernkraftwerk Grafenrheinfeld

„Was machst du gerade?“ Ich bedaure, dass man hier vor dem KKW-Tor 2 nicht fotografieren darf. Hier warten nämlich die Leute, die ihre Gärten („Datscha“) hinter dem Kraftwerk haben, auf den Schichtbus. Da es aber keine Bänke gibt, suchen sich alle nach ukrainischer Art Alternativsitzgelegenheiten. Manche (ich auch) nehmen auf den Betonklotz-Panzersperren Platz. Zwei Omas in identischer Kleidung (Kittel, Kopftuch) hocken in identischer Körperhaltung auf den peinlich genau symmetrisch ausgerichteten Betonblumenkübeln rechts und links des Werkseingangs, so dass sie zwei Statuen abgeben könnten. Im Hintergrund erhebt sich majestätisch und gelb gestrichen mein Arbeitsplatz Block 3. Ich weiß nur noch nicht, wofür die beiden ein Denkmal abgeben sollen: „Atom-Omas“, vielleicht?

Letzter Arbeitstag im KKW! Sechs Wochen geschafft!! Maskottchen Behyk besteht auf der Sekundärliteratur und sagt: kein Ende der Arbeit bis Manuskriptabgabe.

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Über die Autorin:

Dr. AnnaVero Wendland, geboren 1966 in Remscheid. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Insititut  für historische Ostmitteleuropaforschungin Leipzig. Seit 2012 arbeitet sie für ihr technikhistorisches Habilitations-Projekt über die (post-)sowjetischen Atomstädte mit einer Langzeit-Teilnehmenden Beobachtung im Kernkraftwerk Rivne, Ukraine. Sie wohnt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig.

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